Die neue Ordnung

Eine Erzählung

Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Partei „Alles für Deutschland“ hat sich das Leben in der Bundesrepublik grundlegend verändert. Auf den ersten Blick scheint alles geordnet, sauber, effizient. Die Straßen sind ruhig, die Arbeitslosigkeit offiziell abgeschafft, die Medien gleichgeschaltet. Wer sich anpasst, lebt unauffällig. Wer abweicht, verschwindet – meist lautlos. Der unangekündigte Besuch abends von zwei Männern in dunklen Anzügen lässt meist nichts Gutes ahnen. Die neu gegründete Staatspolizei ist ebenso effektiv wie unsichtbar und hinterlässt keine Spuren in den neuen Registern.

Die Regierung nennt ihre Struktur „Volksdemokratie“. In Wahrheit bedeutet das, dass alle Entscheidungen zentral vom „Rat für nationale Einigkeit“ kommen, einem Gremium aus Parteifunktionären und Sicherheitsbeamten. Parlamente bestehen formal noch, ihre Sitzungen werden im Fernsehen übertragen – allerdings mit vorgegebenen Abstimmungen und vorbereiteten Reden. Opposition ist nicht verboten, sondern schlicht „nicht vorgesehen“.

Das Informationswesen ist das Rückgrat des Systems. Jedes Smartphone ist staatlich zertifiziert, alle Kommunikationsdienste laufen über die „Volkscloud“. Offiziell dient sie der Sicherheit, tatsächlich überwacht sie jeden digitalen Austausch. Medienportale dürfen nur von autorisierten Redakteuren betrieben werden, deren Loyalität regelmäßig überprüft wird. Falschmeldungen – ein dehnbarer Begriff – führen zum Entzug der Berufserlaubnis oder zur Umerziehung in „Wahrheitsseminaren“.

Das gesellschaftliche Leben ist eng reguliert. Vereine, Nachbarschaften, selbst Hobbygruppen sind in den „Heimatgemeinschaften“ organisiert, die an das alte Vereinswesen erinnern, aber der ideologischen Schulung dienen. Jeder Bürger gehört einer solchen Gemeinschaft an, muss dort monatlich erscheinen und über seine Tätigkeiten berichten. Wer sich selten beteiligt, gilt als „unsozial“; wer zu viel fragt, als „staatsfern“.

Religiöse Einrichtungen bestehen weiter, doch ihre Texte wurden „angepasst“, um mit den nationalen Werten in Einklang zu stehen. Geistliche werden durch Vertrauensräte kontrolliert, die über „abweichende Auslegungen“ wachen. Alte Symbole wie das Kreuz oder der Davidstern sind geduldet, solange sie keine „Trennung von Volksgemeinschaft und Glauben“ suggerieren.

In den Schulen lernen Kinder, dass der Staat eine Familie ist – stark, fürsorglich, aber streng. „Selbstdenken“ gilt als gefährlich, „Gemeinsinn“ als Tugend. Geschichte wird selektiv vermittelt: Brüche, Demokratie, Pluralität – alles gilt als „Experiment, das dem Volk geschadet hat“. Die ängstliche Generation der Eltern hat sich weitgehend angepasst. Die nachwachsende Generation kennt nichts anderes.

Morgens, kurz nach sechs. Das Radio schaltet sich automatisch ein – der neue „Staatsfunk“ bringt die tägliche Hymne. Draußen hängen die neuen Flaggen über der Straße wie starre Schatten. Blau, Weiß, Rot – das Farbschema der Ordnung.

Nachmittags, beim Einkaufen, läuft das Gesichtsscanner-System am Eingang des Supermarkts. Wer zu wenig Einkommenspunkte im sozialen Bewertungsregister hat, kommt gar nicht erst rein.

In den Straßen sieht man die neuen Plakate: „Ein Volk. Ein Wille. Eine Zukunft.“ Daneben der Slogan des Ministeriums für Sicherheit und Reinheit. Die alten Parteien existieren nicht mehr, die Verfassung wurde „modernisiert“, heißt es in den Nachrichten. Kritik ist unnötig geworden, behaupten die Sprecher, weil „das Volk endlich vereint“ sei.

Routinekontrolle auch im Privatbereich gehören zur neuen Normalität. Die Bürgerinnen und Bürger wollten eine konsequente Staatsmacht. Das haben sie nun bekommen. Dass sie noch lange bleibt, dafür hat „Alles für Deutschland“ gesorgt. Verfassungsänderungen gleich nach der Übernahme der Regierungsverantwortung sorgen für einen unbegrenzten Machtbereich.

Durchgreifen eben – das hatten die Bürgerinnen und Bürger so gewollt.